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Das Geheimnis im Schaltraum von Karl Ehms

"Sie haben sich der Firma Rheinmetall - Borsig zur Verfügung zu stellen, und allen Anordnungen Folge zu leisten. Nichtbefolgung wird mit militärischer Strafe belegt." Das stand in meinem Wehrpass. Ich war gekommen, mich zu melden. Ich ging durch einen kurzen Gang, vorbei an Stempeluhren und gelangte in eine riesige Halle. Hier wurden Gelenkwellen für Panzer gefertigt. Ungewohnter Lärm empfing mich. Fast zweihundert Dreh -und Hobelbänke, Schleif-, Fräs- und Bohrmaschinen liefen hier. Von der Stirnwand der Halle schrie die Losung: "Alles für den Sieg".
Das war 1943. Blitzkriege gab es nicht mehr. Wegen der vielen Luftalarme hatte man die Fenster geschwärzt. Kein Sonnenstrahl drang durch sie in die Halle. Grelle Lampen leuchteten sie aus. Die Decke entlang lief ein großer Kran. An Seilen hing eine schwere Maschine und schwebte über die Köpfe hinweg.

Ich sollte hier als Betriebselektriker arbeiten. Achtzehn Jahre hatte ich diesen Beruf nicht mehr ausgeübt. Von 1925 bis 1935 war ich arbeitslos gewesen und froh darüber, als ich endlich als Elektromechaniker arbeiten konnte. Durch die lange Kriegsdauer wurden immer mehr junge Elektromonteure eingezogen. Ich sollte nun ihre Arbeit übernehmen. Wie würde ich zurecht kommen? Ich fragte mich zum Betriebsleiter durch. Sie nannten ihn alle "alter Fritz" und nicht nur der Krückstock, auf den er sich stützte, erinnerte an den einstigen preußischen Soldatenkönig, der den siebenjährigen Krieg verloren hatte. Der Betriebsleiter blätterte in meinen Papieren und sah mich prüfend an. Dann meinte er: "So, der neue Elektriker!". Er mag gedacht haben, dass ich ruhig erst meinen Beitrag zum Sieg an der Front hätte leisten können. Dann sagte er unvermittelt: "Siebzehn an der Ostfront! Noch ziemlich jung gewesen, was? Hoffe, Sie wissen, wie man Kriegsgefangene behandelt! Nicht zimperlich! Hauptsache, der Betrieb läuft! Sie melden mir jeden Drückeberger!"

Die Elektrowerkstatt befand sich auf der Galerie der Halle. Drehbänke standen in langen Reihen. An jeder arbeitete ein Kriegsgefangener oder ein Fremdarbeiter mit der Aufschrift "Ost" am Kittel. An der letzten Drehbank debattierten Meister und Vorarbeiter mit den Posten, der mit geschulterten Gewehr stand. Der Gefangene sollte ein Werkstück vermurkst haben. Sie schrieen auf den Gefangenen ein. Schließlich nahm der Posten das Gewehr und schlug dem Gefangenen den Gewehrkolben einige Male auf den Rücken. Mir graute.
Die Gefangenen waren kurz vor mir hier eingewiesen worden. Die Verständigung mit ihnen war nicht leicht. Französische, russische und deutsche Sprachlaute wirbelten durcheinander. Es waren zweihundert Maschinen zu überwachen, umzubauen, neu zu installieren, Kugellager auszuwechseln Leitungen zu verlegen und Taktstraßen einzurichten.
In der ersten Zeit kamen die Gefangenen oft zu mir. "Ich nicht weiß..." Ich zeigte ihnen, was zu machen war. Nicht immer war ich überzeugt, dass sie nicht wussten, wonach sie fragten.
Ich fing an, über sie nachzudenken.

Den ersten Konflikt hatte ich durch das Verhalten eines deutschen Kollegen. Willi trank gern Alkohol, der Mangelware war. Ich wusste auch, wo er sich einen Sprit besorgte. Er vermischte ihn dann mit Brause. Nur einmal habe ich von diesem Gesöff gekostet. Wenn er genug hatte, verzog er sich in den Schaltraum, legte sich lang und schlief seinen Rausch aus. Die ganze Arbeitseinteilung lag auf meinen Schultern. In ständiger Angst, dass der "alte Fritz" hinter alles kommen würde, lief ich zwischen den Maschinen hin und her. Manchmal trank Willi zusammen mit dem sowjetischen Gefangenen André. André schlug sein Angebot nie aus. In Gesprächen erfuhr ich, dass André Waise war und nach der Revolution obdachlos auf den Straßen Russlands herumgezogen sei, bis man ihn in ein Heim brachte. Ich wusste damals nichts von Makarenko und nichts davon, wie es in solchen Heimen zuging. Und auch nicht, dass die meisten Menschen, die dort erzogen wurden, später selber gute Erzieher geworden und bewusste Menschen waren.
Dass André mit Willi trank führte ich darauf zurück, dass er kein richtiges Elternhaus hatte. Heute denke ich, André hatte ein bestimmtes Ziel und es war ihm recht, dass ich ihn für einen Verwahrlosten hielt.

Den zweiten Konflikt bekam ich durch Max. Er machte fast immer Nachtschicht. Damals brachte ich das in Zusammenhang mit der kleinen Landwirtschaft, die Max hatte. Doch heute weiß ich, dass in der damaligen Zeit deutsche Antifaschisten mit den Gefangenen zusammengearbeitet haben und ich überlege, ob nicht auch Max einer gewesen ist, der zu ihnen hielt und sich gut tarnte. Max kam immer müde zur Schicht. Er hatte zu Hause gearbeitet. Jetzt legte er sich wie Willi in den Schaltraum und schlief.
Ich redete ihm gut zu. Aber es half nichts. Wieder eilte ich von Maschine zu Maschine, war heilfroh, wenn alles lief und lebte in ständiger Angst, der "alte Fritz" könnte Max einmal im Schaltraum überraschen.

In dieser Zeit machte ich ein paar Abendkurse über technisches Rechnen und Zeichnen. Das war nicht leit für mich. In der Dorfschule hatten wir 1906 bis 1914 mehr Religion als Rechnen oder Zeichnen. An Algebra war überhaupt nicht zu denken. Wie wunderte ich mich, als ich einmal meine Hausaufgaben am Arbeitsplatz überprüfte und André mich auf einen Fehler aufmerksam machte. Er rief noch andere russische Gefangene herbei. Sie wussten ebenso Bescheid in Algebra. 1917 hatte ich auch russische Gefangene kennen gelernt. Damals konnten viele von ihnen weder lesen noch schreiben. Ich war der Meinung, es habe sich nichts verändert. Zudem hörte ich nie etwas anderes über Rundfunk und Presse, als dass die Russen keine Kultur hätten und Untermenschen wären. Auch in den Büchern, die ich las, stand nichts anderes. Ich hatte soviel von Gräueltaten gelesen, dass es mir nun schwer fiel, zu begreifen, dass André und die anderen Gefangenen gebildet waren. Sie wussten nicht nur in Algebra Bescheid. Sie kannten Goethe und hielten ihn für einen großen Dichter. Sie kannten Heine, dessen Bücher verbrannt worden waren. Ich sah die Gefangenen plötzlich neu.

Küchenmesser waren in dieser Zeit gefragte Tauschobjekte. Wir bastelten solche aus alten Sägeblättern. Heimlich natürlich und nur, wenn alles gut lief. Die Gefangenen konnten dafür Kartoffeln eintauschen. Eines Tages hatten wir in der Werkstatt einen selbstgefertigten elektrischen Kocher. Ich brachte manchen Strauß Petersilie und Lauch aus meinem Garten mit. Das war nicht so einfach, wie es sich heute hinschreibt. Nun wurde in der Werkstatt gekocht. Aber weder der "alte Fritz" noch der Posten durfte etwas merken. Manchmal fragt der "alte Fritz" weshalb es in meiner Abteilung keine Meldungen gäbe. Ich sagte, dass ich den Anlass gar nicht erst aufkommen ließe.

Den dritten Konflikt hatte ich jenen Tag, als Willi und André wieder einmal im Schaltraum verschwunden waren. Ich ging beiden nach. Willi lag am Boden und tat, als schliefe er. André wandte mir den Rücken zu. Ich starrte. Er hörte Nachrichten. Die Gefangenen hatten sich den Empfänger selbst gebaut. Ich hatte es nicht bemerkt. Ich taumelte hinaus.

Später kam André mit hellem Gesicht aus dem Schaltraum. Er sprach mit seinen Freunden. Auch die Franzosen kamen herbei. Ich erfuhr, dass die deutsche Armee in Stalingrad kapituliert hatte.
Mein Wissen machte mich nicht froh. Es lag wie eine drohende Last auf mir. Tag und Nacht wurde ich den Gedanken nicht mehr los, dass hier mitten in einem faschistischen Rüstungsbetrieb Nachrichten gehört wurden. Woher mochte André die Kraft nehmen, zu hungern, alle möglichen Schikanen zu ertragen, den Empfänger zu bauen und Nachrichten in seiner Landessprache zu hören. Weil ich wusste, was im Schaltraum geschah, passte ich auf, dass niemand davon erfuhr.

Oft sprach ich mit André und mit den anderen Gefangenen. Langsam konnte ich mir ein Bild machen von der Sowjetunion, was die deutschen Truppen dort angerichtet hatten und was jeder der Gefangenen für einen Beruf erlernt hatte.
Einer war Lehrer aus Leningrad. Er glaubte daran, Frau und Kind wiedersehen zu können und ich wünschte es ihm von Herzen.

Im Frühjahr 1945 wurde ich doch noch eingezogen. Ich habe nicht erlebt, wie André und seine Freunde frei geworden sind.
Auch Max und Willi habe ich nicht wiedergesehen, von Willi hieß es, er sei als Säufer weggebracht worden. Wenn ich heute darüber nachdenke, wie sehr ich bestraft worden wäre für das Wenige, das ich für Gefangene und für Willi und Max tat, so bin ich doch froh, dass ich den Menschen in ihnen sah, der meiner Hilfe bedurfte. André kam aus Kiew. Wo er heute sein wird? Ob er weiß, dass ich hinter das Geheimnis im Schaltraum kam?

Karl Ehms
Zirkel Schreibender Arbeiter
"Louis Fürnberg"
VEB Büromaschinenwerk Sömmerda